Dresden, 13.02.2010: Sie kamen nicht durch!
Februar 23rd, 2010
Vor einigen Wochen entschloss ich mich dem Aufruf „Dresden Nazifrei“ nachzukommen und trotz Unilernstress mein Möglichstes zu tun um am 13.02.10 den faschistischen Aufmarsch Tausender zu verhindern.
Da sämtliche Busse aus Berlin schon voll waren, fuhr ich zusammen mit 3 Bekannten und 4 kurzentschlossenen Mitfahrerinnen am Samstag um 8h von Berlin Richtung Dresden mit einem privaten VW-Bus los. Trotz Polizeikontrollen kamen wir gegen 10:30h am Dresdner Hauptbahnhof auf der Südseite der Elbe an.
Wo ist die Kundgebung?
Nach einer kurzen Stärkung an einem Stand und der Vergabe wichtiger Informationen in Papierform machten wir uns zu fünft auf den Weg zu einer der Hauptkundgebungen - das Etappenziel für den Vormittag. Nach einem kleinen Spaziergang trafen wir am angeblichen Kundgebungsort auf vereinzelte meist schwarz gekleidete Antifa-Gruppen und auf eine gute Masse bunt gekleideter Menschen. Hier fing die Demonstration „GehDenken“ unter anderem mit bündnisgrünener Beteiligung und zum Beispiel mit Partizipation Evangelischer Jugendverbände an. Hier gedachten wir den zivilen Opfern des Bombardements in Dresden vor genau 65 Jahren. Es war schon ein interessantes Bild die schwarzen meist jungen Antifa-Gruppen neben den Familien des „GehDenken“-Protestes friedlich hintereinander laufen zu sehen.
Für uns war klar: wir wollen auf die andere Elbseite um aktiv mit zu blockieren, denn genau hier sollte die Naziroute verlaufen. Die massive Polizeipräsenz - ich zählte mehr als sieben Hubschrauber am Himmel - wurde uns an diesem Punkt noch einmal einschüchternd gezeigt.
Wie kommen wir zur Neustadt?
Nach einigen missglückten Versuchen wurde uns bewusst, dass die Polizei die Brücken Richtung Neustadt auf der anderen Elbseite abgeriegelt hatte und nur noch Anwohnern den Durchgang gewährte. Dies war unzulässig, denn auch auf der Neustädter Seite gab es zahlreiche angemeldete und zulässige Gegendemonstrationen zu denen man uns den Zugang eigentlich nicht hätte verwehren dürfen. Etwas enttäuscht machten wir uns auf den Weg gen Osten und grübelten darüber nach wie wir uns doch noch auf die andere Elbseite durchschlagen könnten. Hierbei ist uns eine Tram aufgefallen, die von der Südseite über die Albertbrücke immer noch regelmäßig zur Neustadt fuhr. Kurzerhand suchten wir eine nicht von Polizeibeamten „besetzte“ Haltestelle und fanden nach einiger Zeit die richtige Tram-Haltestelle. Etwas aufgeregt stiegen wir - mit entwerteten Fahrausweisen - ein und verteilten uns in dem Wagon. Kurz vor der Albertbrücke kamen dann uniformierte Beamte in die Tram und suchten systematisch „links aussehende“ (wie sie es nannten) um diese wieder aus der Tram herauszuholen. Es war erschreckend miterleben zu müssen, wie deutsche Polizisten in „Kampfmontur“ Menschen nach Aussehen und vermeintlich gefährlicher Gesinnung selektierten. Erschreckend auch, wie hilflos man sich dabei vorkommt, denn ein Einschreiten hätte auf jeden Fall auch für uns das Ende der Fahrt bedeutet. Wir waren heilfroh, lediglich beäugt worden zu sein und der „Staatsmacht“ mit unserem wohl „unlinkem“ Auftreten nicht aufgefallen zu sein.
Endlich: Auf der Nordseite der Elbe
Auf der Nordseite der Elbe ging es dann schnell zum Albertplatz wo sich viele GegendemonstrantInnen aufhielten. Nach einer kurzen Stärkung bewegte sich der Demo-Zug Richtung Westen. Ohne genau zu wissen warum schlossen wir uns an. Nach und nach sickerte die Information durch, dass die Nazis im Bahnhof Neustadt mehr oder weniger eingekesselt waren und nun eine Route - westlich des Neustädter Bahnhofes - zugewiesen bekommen hätten. Neben vielen, vor allem jungen DresdnerInnen und Antifas marschierten wir also nun weiter und versuchten uns Richtung Bahnhof Neustadt durchzuschlagen. Dies erwies sich jedoch als unmöglich, da die Polizei diesen weiträumig abgeriegelt hatte. Wir gerieten in einige brenzlige Situationen bei denen Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten gerichtet wurden; davor wurden vereinzelt Schneebälle, Plastikflaschen und Feuerwerkskörper Richtung Polizei geworfen. Wir sahen wie Mülleimer, ganze Müllcontainer und Restaurantinventar brannten und wie ein Auto - mit einem Deutschlandsticker - teilweise demoliert war. Kopfschüttelt und verärgert drüber, wie man so etwas unpolitisches tun kann gingen wir weiter.
Kein Naziaufmarsch
Ab 17 Uhr war klar, dass sie Nazis nicht auflaufen konnten und, dass ihr „Trauerzug“ nicht stattgefunden hatte. Hiernach beschlossen wir uns einen Weg zurück Richtung Hauptbahnhof zu bahnen, was leichter gesagt war, als getan. Trotz Polizeikette gab es einen kleinen Weg neben den Bahnschienen den wir mit einigen anderen GegendemonstrantInnen passieren durften. Plötzlich hieß es „Halt!“ und ich blieb stehen und sah wie die Polizisten langsam auf unseren Trupp zukamen. Meine Leute gingen jedoch seelenruhig weiter also reihte ich mich kurzerhand ein. Die jungen Leute hinter uns durften nicht passieren.
Gegen 18h kamen wir wieder am Albertplatz an uns konnten ungehindert die Polizeibarrieren Richtung Altstadt passieren. Wir begleiteten einen von uns - vorbei an Polizeibeamten - zur anderen Seite des Hauptbahnhofes und auf dem Rückweg sahen wir sie dann doch: vielleicht vier oder fünf junge Faschisten, ganz in schwarz und mit kurz geschorenen Haaren tauchten vor uns auf. Dicht gedrängt gingen wir - zusammen - Richtung Ausgang. Hier konnte ich „Deutschland“ in Runenschrift auf einem Rucksack erkennen und gleich darunter das Eiserne Kreuz mit preußischer Flagge im Hintergrund. Vor dem Ausgang standen einige „Linke“ und ich war mir sicher, dass es zu Ausschreitungen kommen würde aber da die Nazis nicht auf den ersten Blick als solche zu erkenne waren passierte nichts.
An dem VW-Bus angekommen trafen wir auf zwei unserer Mitfahrerinnen zurück nach Berlin und tauschten unsere Eindrücke aus.
Zu guter letzt hatten wir, zum Glück kurz vor einer Dresdner Tankstelle, eine Autopanne woraufhin unser Transportmittel abgeschleppt wurde. Nach ca. einer Stunde stand der Ersatzwagen bereit und wir kamen alle ungeschadet - von den kalten, nassen Füße abgesehen - zurück nach Berlin.
Den vielen Faschisten Dresden nicht überlassen
Auch wenn wir nicht aktiv mitblockieren konnten, da wir zu keiner Zeit eingehakt auf dem Boden saßen, fanden wir es wichtig und richtig am Samstag präsent zu sein um den vielen Faschisten Dresden nicht zu überlassen. Ich glaube alleine unsere Anwesenheit hat etwas unter den DresdnerInnen aber auch unter anderen GegendemonstrantInnen bewirkt. Ich denke, dass Faschismus und Rassismus uns alle angehen und fand es unglaublich schade, wie wenig „bunte Gesichter“ ich auf Seite der GegendemonstrantInnen gesehen habe. Diese braune Ideologie ist überall auf der Welt verbreitet und ich würde gerne dazu beitragen, dass mehr Menschen - auch mit „Zuwanderungshintergrund“ - dagegen aktiv ein Zeichen setzen und betroffene Bürgerinnen und Bürger nicht im Stich lassen, indem sie „zu Hause“ bleiben und/oder sich nicht angesprochen fühlen.
Als Mensch sehe ich es als meine Pflicht an, faschistischen Ideologien keinen Raum zu geben. Demokratie heißt für mich, dass jeder/ jedem das Recht zur freien Meinungsäußerung gegeben wird, solange diese nicht menschenverachtend ist bzw. die Freiheit eines/einer anderen/anderer einschränkt. Sobald gegen dies verstoßen wird, und „Deutschland den Deutschen“ verstößt klar dagegen, hat dieser Mensch, in meinem Augen, das Recht zur freien Meinungsäußerung vertan. Die Erde ist rund und endlich und ich sehe nicht ein, dass ein Mensch mehr Recht hat an einem Ort zu sein bzw. sich niederzulassen als ein anderer, um es mit Kants Worten zu sagen.
Ich hoffe, dass es keine „Dresden Nazifrei 2011“-Aktion geben muss aber wenn dies der Fall sein sollte, können die DresdnerInnen mit einer weiteren aktiven, sich bekennenden Antifaschistin rechnen!



